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Tien Anton
Das lokale Webmagazin aus Dülken für die Region VIE und das Grenzland
3.11.09
  Nazis, Stadtrat, Antifa
Heute erste Ratssitzung mit NPD-Beteiligung - und nun?

Während wir hier bei Tien Anton noch darüber nachgrübeln, wie der Verunzierung des Viersener Stadtparlaments durch die Anwesenheit der neonazistischen NPD publizistisch adäquat begegnet werden könnte, hat das Viersener Antifaschistische Aktionsbündnis schon einen klaren Plan. Transparente sollen ausgerollt werden in der heute stattfindenden ersten öffentlichen Sitzung des neu gewählten Stadtrats, um von da aus den Kampfruf hinaus in die Welt zu tragen: "Nie wieder soll von Viersener Amtsstuben aus Unterdrückung, Rassismus und Unrecht ausgehen!"

So oder so ähnlich stellen wir uns das jedenfalls vor, nachdem wir gestern vom Aktionsbündnis per E-Mail über die geplante Aktion informiert wurden. Da wir der ganzen Geschichte mit eher gemischten Gefühlen gegenüberstehen und der Leserschaft Gelegenheit geben wollen, sich selbst ein Bild zu machen, geben wir hiermit unsere Antwort an das Antifaschistische Aktionsbündnis in Form eines offenen Briefes wieder. Vorab das Anschreiben des Aktionsbündnisses - das Briefgeheimnis gilt, unseres Wissens, nicht für anonyme Zuschriften:

Am 02.11.2009 um 16:56 schrieb Albert (aaviersen@india.com):

Hallo Dieter,
als recht interessierter Leser deines Blogs, möchte ich dir das hier nicht vorenthalten. Würde meiner Meinung nach ganz gut in deinen Themenbereich passen (Jugend + Lokalpolitik)
Vielleicht bist du schon auf den Blog des "Antifaschistischen Aktionsbündnisses Viersen" gestoßen?
Link: http://aaviersen.blogsport.de/

Bitte nicht gleich Antifa mit Ausschreitung assoziieren. Gibt zwar leider genug Beispiele, aber die "Antifa Viersen" hat sich friedliches Handeln ganz oben auf die Liste gesetzt.
Wie du wahrscheinlich weißt, findet morgen um 18 Uhr im Viersen Forum
die erste öffentliche Sitzung mit Teilnahme Gunther Kretschmanns (NPD) statt. Link
Das Antifaschistische Aktionsbündnis ruft dazu auf, diese zu besuchen, um Präsenz gegen Rechts zu zeigen (mit Bannern, Fahnen, usw.). Falls du Fotos haben möchtest, kann ich dir gerne morgen Abend welche zukommen lassen, allerdings mit zensierten Gesichtern. Man kennt ja die Vorgehensweisen des braunen Volkes.

Freundliche Grüße,
Fuchs


Hier unsere nach ausgiebigem Querlesen der AAViersen-Website entstandene Antwort:

Hallo "Fuchs" ("Albert"?),

wenn Ihr, die Viersener Antifaschisten, meine Publikation verfolgt, sollte Euch klar sein, dass Ihr von meiner Seite nichts zu befürchten habt, was soll also die Geheimniskrämerei?

Grundsätzlich begrüße ich natürlich jegliche
kreative Anstrengung, die dazu beiträgt, das Erstarken der dumpf-braunen Idioten in Viersen und anderswo zu verhindern. Ich kenne auch persönlich Menschen, die NPD-Wahlplakate in Viersen abmontiert haben. [Auch wenn die nicht wissen, dass ich es weiß... ;-) ] Diese Aktion hat, obwohl sie eindeutig rechtswidrig ist, meine grundsätzliche Sympathie.

Vielleicht habt Ihr auch verfolgt, dass die Affäre um das Brösels und die "Ausländerlisten", die immerhin zu Jörg Johanbökes FDP-Parteiaustritt führte, als erstes hier auf der Tien Anton Seite thematisiert wurde:

Disko nur für Deutsche

Die Geschichte habe ich seinerzeit, geringfügig überarbeitet, den Kollegen von der
RP angeboten, die diese auch abdruckten und damit für die breite Öffentlichkeit sorgten, die zu einem mittleren kommunalpolitischen Erdbeben mit der oben erwähnten Konsequenz für Herrn J. führte.

Und da sind wir dann auch an dem Punkt, wo meine grundsätzliches Wohlwollen Euch gegenüber doch arg strapaziert wird: den auf Eurer Seite verzapften Schwachsinn von der "faschistoiden Mitte" bekomme ich einfach nicht über den Knorpel. Habt Ihr eigentlich mitbekommen, dass ich selber seit mehreren Jahren und mit zunehmendem Spaß für das "schwarzgefärbte" "Hetzmedium" Rheinische Post schreibe?

Die ist sicherlich im Zweifelsfalle nach wie vor das CDU-Kampfblatt, dass sie immer schon war, bietet aber heute, wo die politischen Blöcke früherer Jahrzehnte sich weitestgehend aufgelöst haben, durchaus auch Platz für unorthodoxe und politisch kritische, bisweilen sogar "linke" Ansichten.

Kurz gesagt finde ich, dass Ihr mit Eurem Engagement gegen rechts, bei aller aller guten Absicht, teilweise weit über das Ziel hinausschießt.

Auch vermisse ich auf der AAViersen-Website eine Stellungnahme zum Befremden, mit dem die Viersener Rock-Kultur-Werkstatt auf die Vereinnahmung durch Eure Gründungserklärung reagiert hat. Hier, zur Erinnerung noch mal der auf der RKW-Seite erschienene Text zum Thema:

"
Da haben wir nicht schlecht gestaunt, als wir Mitte September die "Gründungserklärung" des "Antifaschistischen Aktionsbündnisses Viersen" erstmals erblickten... Die RKW als leuchtendes Beispiel für linke Kultur? Vorreiter im Kampf gegen das Kapital? Oder gar Bollwerk gegen die "schwarze kapitalistische Presse" und die etablierten Parteien...???
Ehrlich gesagt: Wir haben keine Ahnung davon, dass es so sein könnte, und soweit wir bisher feststellen konnten, haben sich die Musiker im Hause bisher nicht dazu hinreissen lassen, politisch aktiv zu werden...
Dazu ist, mit Verlaub, die Kulturwerkstatt auch nicht gedacht. Wer es nicht glauben mag, dem sei die Lektüre der Satzung ans Herz gelegt. Da haben wir nicht reingeschrieben, daß wir uns als musikalisches Sammelbecken des antifaschistischen Widerstandes verstehen.
Aber in unserem Nutzungsvertrag für die Kulturwerkstatt steht auch nicht, daß wir unpolitisch sein müssten...
Im Gegenteil: Ausdrücklich ist hier festgehalten, daß die Kulturwerkstatt solchen Gruppierungen nicht offen steht, die gegen unsere demokratische Wertordnung verstossen. Daraus ergibt sich für uns in der Tat auch die Verpflichtung aktiv gegen solche Gruppen vorzugehen.
Aber eins steht mal fest:
Wir sind in keiner Weise informiert worden über das, was die Kollegen dieser Seite bezwecken und sicher auch nicht gefragt worden, ob wir, der Rock-Kultur-Werkstatt e.V., so zitiert werden wollen. Tendenziell wollen wir eher nicht. Genauso wie wir Nazis nicht mögen, mögen wir nicht ungefragt vor irgendwelche Karren gespannt werden. Ganz einfach.

"

Lässt man diese gesammelten Belege für zwar gut gemeinten aber stellenweise peinlich schlecht gemachten politischen Aktivismus einmal gnädig beiseite, stellt sich immer noch die Frage, ob man mit Aktionen wie dem Ausbreiten von Transparenten im Viersener Stadtrat nicht dem NPD-Mann erst die Aufmerksamkeit verschafft, die der sich wünscht und anderweitig nie erhalten würde. Immerhin sind sich alle im Stadtrat vertretenen Parteien einig, den Typen, dem ich hier nicht mal die Ehre der Namensnennung erweisen möchte, schlicht und einfach zu ignorieren.

Die Entwicklung beispielsweise im Osten der Republik lässt jedenfalls hoffen, dass ignorieren ein gangbarer Weg ist. Dort hat bei allen Landtags- und Kommunalwahlen der letzten Monate die Rechte teils empfindliche Einbußen hinnehmen müssen, allein schon deshalb weil sich ein nicht geringer Teil ihrer beim letzten Mal in die Vertretungen gewählten Repräsentanten als komplett unfähige grenzdebile Lachnummern, Alkoholiker oder Kleinkriminelle erwiesen und vom Wähler dementsprechend abgestraft wurden.

Ach ja, apropos Lachnummer: herzhaft schmunzeln musste ich, als ich auf Eurer Seite las, wie stolz Ihr von politischen Sondierungsgesprächen in Brüggen mit ausgerechnet den Grünen berichtet. Wenn die kein Paradebeispiel für den Verrat an linken Idealen zugunsten purer Machterlangung sind, ja wer denn dann, bitteschön?

Als das niederrheinische Boulevard-Lokalmedium schlechthin werden wir natürlich, bei aller oben geäußerten Kritik, gerne die Fotos von Eurer Protestaktion bei der Ratssitzung hier veröffentlichen. Alles weitere stelle ich hiermit zur (öffentlichen) Diskussion.

Mit herzlichen Grüßen aus Dülken,

Dieter Mai (Tien Anton)

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