Es war eine Madagaskar-Palme, die mir zum Verhängnis werden sollte. In Kombination mit meinem peripheren Nervensystem wurde dieses stachelige Gewächs zu einer tödlichen Bedrohung. Eigentlich dienen die körpereigenen Reflexe ja dem Schutz von Leib und Leben, aber mein hier aufgezeigter Fall zeigt sehr deutlich, wie gefährlich es ist, sich auf die Schutzmechanismen des eigenen Köpers einzulassen, ihnen zu vertrauen und wie machtlos man ihnen ausgeliefert ist, da man sie nicht unterdrücken kann.
An diesem Morgen, ich kam gerade aus dem Bad, mag es halb sieben gewesen sein als ich mit Bademantel bekleidet den Weg ins Wohnzimmer wagte, um dort die Fenster zum Lüften zu öffnen, bevor ich zum Ankleiden den Weg ins Schlafzimmer nehmen wollte. Im Regelfall öffnete jemand anders morgens die Fenster. Es war stets die erste Amtshandlung meiner besseren Hälfte dies zu tun. Für gewöhnlich saß ich dann aber schon in der Küche beim Kaffee und hörte, wie die Schlafzimmertür geöffnet wurde gefolgt von dem Geräusch, das ein Fenster verursacht, wenn es auf Kippstellung gebracht wird.
Wenn mich etwas wirklich langweilt, dann ist es die Zukunft vorhersagen zu können und zu wissen, was als nächstes geschehen wird. Auch wenn es sich hierbei um unspektakuläre Ereignisse wie dem Öffnen von Fenstern handelt. Zudem bin ich der Überzeugung, dass wenn eine Handlung zwanghaft wird, sie ohne Zweifel als Neurose bezeichnet werden darf. Wenn das Öffnen der Schlafzimmertür als zwanghafte Folgehandlung das Öffnen der Fenster fordert, ist man kein freier Mensch mehr, sondern bereits ein Sklave seiner selbst. Die Entscheidung, an diesem Morgen das Lüften der Wohnung selbst in Angriff zu nehmen, hatte somit einerseits dramaturgische wie auch therapeutische Beweggründe. Ich wollte einfach mal alles anders machen und den gewohnten Dingen einen anderen Verlauf geben. Zudem bringt dies Abwechslung in einen eingesessenen Alltag und vermag sogar eine Partnerschaft jung zu halten und dieser frischen Aufwind zu verleihen. Mein Entschluss stand demnach fest: Heute würde ich die Fenster öffnen.
So tappte ich denn im halbdunklen Raum gen Fenster. Ein wenig ist es schon mit einem Geduldsspiel zu vergleichen bei einem gerade mal geschätzten siebeneinhalb Zentimetern tiefen Fensterbrett, welches bis auf den letzten Quadratmillimeter zugestellt ist mit allerlei dekorativem Schnickschnack, wie zu Bällen gedrillten Astgeflechten, Teelichthaltern in den mannigfaltigsten Ausführungen, leeren Zierflaschen mit Bunten Glasverschlüssen, gesammelten Steinen und Muscheln aus aller Welt , sowie selbst gezogenen Ficcus-Benjamini Stecklingen und natürlich einer alles überragenden Madagaskar-Palme, die nichts besseres zu tun hatte, als nach der Betätigung des Fenstergriffes durch die Neigung des Fensters ohne weitere Vorankündigung nach vorne zu kippen und zu Boden zu stürzen. All dies wäre halb so schlimm gewesen, wenn ich nicht reflexartig nach ihr gegriffen hätte, um sie vor dem Fall zu bewahren. Undankbar für diese Rettungsaktion, bohrte die Palme mir ihre Stacheln in die nach ihr greifende Hand, wobei mehrere davon abbrachen und in meiner Handfläche sowie dem Handrücken verweilten, während die Palme es sich dennoch nicht nehmen ließ, weiter Richtung Boden zu fallen. Sie schaffte es aus eigenem Antrieb sogar bis ganz unten.
Meine Hand, die innerhalb von Bruchteilen von Sekunden zu glühen begann, als hätte ich sie zum Anrösten auf einen Grillrost gelegt, konnte ich im Halbdunkeln nicht auf Anhieb betrachten. Bedingt jedoch durch die Tatsache, dass mich der Schmerz meiner Hand, sowie der plötzlich einsetzende Ärger über diese relativ unnötige Situation veranlasste, schlicht und einfach lauthals und ausdrucksstark das in den dunklen Raum zu brüllen, was ich tatsächlich empfand und dachte: “Scheiße!! Scheiße! “ Zeitgleich stampfte ich mit dem Fuß auf den Boden. Die Unruhe, die ich damit auslöste, ließ auch gleich die Schlafzimmertür aufgehen und somit meine bessere Hälfte im Raum erscheinen mit deren Betreten des Raumes auch zeitgleich das Licht im Wohnzimmer anging und mir eine Frage entgegenschwappte: „Was ist hier los?“ Es brauchte keine großen Worte, die Vorfälle der letzten 2 Minuten zu erklären. Das Chaos auf dem Boden sowie der Anblick meiner offensichtlich verletzten Hand, ließen untrügliche Rückschlüsse zu.
Als Kind bin ich immer Kastanien sammeln gegangen. Einmal hatte ich mich dabei relativ gekonnt auf die Nase gelegt und versuchte meinen Fall zu Boden mit einem gekonnten Auffangen des Falls durch ein Aufstützen der Handfläche abzumildern. Unglücklicherweise griff ich im Fall auf eine am Boden liegende Kastanie, die noch in ihrem Stachelkleid hauste. Ja, ein wenig wurde mir sogar warm ums Herz nun im Wohnzimmer stehend mit Madagaskar-Palme-Stacheln in der Hand, diese kindlichen Erinnerungen zu haben. An dieser Stelle könnte diese Geschichte enden und alles gut werden, denn es ist viel geschehen und eine Spannungskurve ist gezeichnet.
Ich – zu doof ein Fenster zu öffnen – bringe ein giftiges Stachelgewächs zu Fall, verletze mich daran, und sehe daraufhin einem Engel gleich meine bessere Hälfte im weißen Morgenmantel mit blondem langen wehendem Haar vor mir stehen. Heldenhaft verzerre ich nun mein Gesicht vor Schmerz und lasse mich von meiner besseren Hälfte in den Arm nehmen, die mir dabei tröstend ins Ohr flüstert:„Alles wird gut, mein Held!“
Es kam jedoch anders. Das Licht brachte es an den Tag. Ein Stachel hatte sich auf meinem Handrücken in eine Vene gebohrt, weshalb diese aufplatzte und nun das Blut in mein Unterhautfettgewebe laufen ließ, um somit meine Hand anschwellen zu lassen. Erst golfballgroß, dann tennisballgroß, handballgroß, fußballgroß und zuletzt erdballgroß. Ich fühlte mich wie eine Zecke, die sich mit Blut voll gesaugt und großem Corpus von ihrem Opfer fallen ließ und sich um ein zigfaches ihres eigenen Körpervolumens vergrößert hatte. Tragisch an meiner Situation war jedoch, dass ich quasi in mich selbst hineinblutete und mich selbst aussaugte um dann am Ende sozusagen in mir selbst zu verbluten. Dies alles hätte ich noch verkraften können, weil ich fest daran glaubte, dass ich mich nach beendetem Ausbluten in mir selbst auch wieder in mich selbst resorbieren könnte. Kurz hatte ich den Begriff „Eigenbluttherapie“ im Kopf. Aber da war noch etwas anderes, was mich sehr beunruhigte.
Die Madagaskar-Palme hatte ihren Stachel, der sich in meine Vene bohrte abgebrochen. Die abgebrochene Stachelspitze muss sich demnach nun in meiner Blutbahn befunden haben. Der venöse Rückfluss führt sauerstoffarmes Blut unterstützt durch den Muskel-Tonus zurück zur Lunge. Zielstation des nun freischwimmenden Stachels war meine Lunge. Dort angelangt würde er unweigerlich eine Lungenembolie hervorrufen, die zu 90 Prozent mit letalem Ausgang einhergehen würde. Die Tatsache, dass ich mich im Moment noch so gut fühlte, war sicherlich drauf zurückzuführen, dass der in mir wandelnde Stachel sich in einer Venetaschenklappe verfangen hatte, was mir ein wenig Aufschub gab.
Was nun? Für einen Moment dachte ich ernsthaft darüber nach mich in die Ambulanz eines Hospitals zu begeben, um den Vorfall des Morgens zu schildern. In meinen Gedanken sah ich einen Dienst habenden und von der Nachtschicht übermüdeten Arzt, der sich meine Geschichte anhörte und dabei sorgenvoll die Stirn in Falten zog. Ein gut aussehender Arzt Anfang dreißig, strahlend weiße Zähne, gesund-braune Gesichtsfarbe, langes lockiges Haar, sportlich, Womanizer-Typ, gut situiert, NR, ohne finanzielle Interessen, noch bei Mama zu Hause wohnend, die ihm warmen Kakao am Abend zuvor in eine Glasflasche für den langen Dienst gefüllt hat, Tennissocken mit rotem und blauem Ringel am Bündchen, aber ein grundsätzliches Problem : von Medizin keine Ahnung!
Ich sehe, wie ich versuche ihm mein Problem zu schildern, ihn versuche von der akuten Gefahr die mich betrifft zu überzeugen. Aber ich habe keine Chance. Genau in diesem Moment bekomme ich eine Angina-Pectoris- Anfall. Nun ist aber Holland in Not. Sofort wird der Chefarzt über veralteten analogen Eurofunk informiert. Alarmlampen in rot rotieren, Sirenen heulen. Ich lande auf der Intensivstation. Ich werde voll gepumpt mit Kontrastmittel. Hitzewellen gehen durch meinen Körper. Röntgengeräte, Computertomographen, sicherheitshalber Herz-Lungenmaschine, alles, das ganze Programm wird an mir angeschlossen. Mir werden elektronische Micro-Roboter injiziert, die per WLAN Softwareupdates bekommen und einzig allein alles was sie erkennen mit einem gescannten Bild eines abgebrochenen Madagaskar-Palmen-Stachels, vergleichen, um diesen mit dem virtuellen Phantombild abzugleichen und zu identifizieren. Die Technik tut ihren Dienst.
Derweil ist es bereits 10.30 Uhr und somit Frühstückspause auf Station M5. Am Frühstückstisch drehen sich die besorgten Gespräche um den Patienten mit dem Madgaskar-Palmen-Stachel im Blutkreislauf. Oberarzt Dr. Dr. Bötzkes beißt andächtig in ein Mohnbrötchen mit Camembert und bitterer Orangenmarmelade (das mag er am liebsten) und verweilt jedoch nach fünf bis sechs immer langsamerer werdenden Kaubewegungen, bis sein Unterkiefer plötzlich stillsteht. Diese Situation hält für circa dreißig Sekunden an. Schwester Magarete, Schwester Paula, Pfleger Bernd, Zivi Michael, Praktikantin Uschi sowie der plötzlich in den Raum tretende Stationsarzt A.i.P Ralf Schrömges bemerken sofort, dass Oberarzt Dr. Dr. Bötzkes nachdenklich und besorgt ist.
Mit einem tiefen Atemzug und immer noch vollem Mund bricht er sein Schweigen, um der angespannten Situation ein Ende zu bereiten und seufzt sorgenvoll: „Unser Madagaskar-Palmen-Stachel-Patient….“, beginnt er, „wenn es gut läuft bekommt er einen Herzinfarkt. In einem Koronargefäß könnten wir den Stachel leicht ausfindig machen, per Koronar-Angiographie. Bekommt er indes eine Lungenembolie oder gar einen apoplektischen Insult, dass heißt, sollte dieser Stachel seinen Weg tatsächlich bis ins Gehirn finden, sieht es schlecht aus. Natürlich könnte die Neuro-Chirurgie ihm die Schädeldecke öffnen, aber das gleicht dann doch eher der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Ich sehe da keine Chance!“
Während das Wort „Chance“ in meinem Hirn mehrfach nachhallte und dabei zunehmend ausgeblendet wurde, wie ein Musiktitel, der am Ende leiser wird, verschwanden auch die Bilder aus dem Krankenhaus in meinem Kopf und ich kam langsam und allmählich wieder zu mir und sah mich zurück zu Hause mit verletzter Hand und ohne eine Entscheidung getroffen zu haben, was nun geschehen soll. Kurzerhand entschied ich mich dazu, mir mit einer Pinzette die zumindest sichtbaren Stachel aus meiner Hand zu entfernen, um mich danach nun doch für die Anreise zur Arbeit bereit zu machen.
Natürlich machte ich mir an diesem Tage zum Ziel, besonders gut auf Veränderungen meines Befindens acht zu geben. Symptome wie Pochen, Hitzeentwicklung, Rötung, Entzündungsschmerz, Fieber, Wahnvorstellungen, Halluzinationen (nackte Frauen die vor einem herumtanzen und während sie sich in Luftpumpen verwandelten „Uhu Uhu“ riefen…oder ähnliches) wären ein unmissverständliches Signal gewesen, sofort einen Notarzt zu konsultieren. Wie sagte meine bessere Hälfte an diesem Morgen: „Denk dran, es ist Freitag. Samstag und Sonntag kannst Du arztmäßig vergessen. Da geht auch nur Scheiße ab, wenn was ist. Geholfen wird erst Montag wieder!“
Der Freitag blieb ruhig. Noch nicht einmal eine rote Linie wollte sich auf meinem Arm abzeichnen, die in Richtung Herz lief, um eine Blutvergiftung zu kennzeichnen. Ich wusste ja auch, dass mein Tetanusschutz bereits seit mehr als einem Jahr abgelaufen war, Grund genug, dann auch einmal in sich hinein zu horchen. Als ich am Samstagmorgen darauf erwachte hatte ich Kopfschmerzen. Für einen Moment lang glaubte ich, der Stachel hätte den Weg zu meinem Gehirn gefunden und würde dort ein wenig Unfug machen. Könnte ja sein, dass er in einem kleinen und unwichtigen Hirnareal halt gemacht hat, was nur ein bisschen Kopfweh macht. Möglicherweise blockierte er sogar ein Hirnareal, durch dessen Dysfunktion ich zukünftig ein glücklicher Mensch werden könnte? Niemand weiß so richtig, ob es je einen solchen Madagaskar-Palmen-Stachel gegeben hat und wenn es ihn gegeben hat, wo er sich heute aufhalten könnte.
Vier Tage nach diesem tragischen Ereignis bin ich glücklich diese Geschichte aufschreiben zu können und kann besten Gewissens sagen, ich erfreue mich bester Gesundheiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii
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