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Tien Anton
Das lokale Webmagazin aus Dülken für die Region VIE und das Grenzland
18.5.09
  Mal wieder: TA auf Sparflamme
Wird nicht jünger: die Katze Muutz
Haussuche, viel Arbeit, Urlaubsvorbereitungen und eine zuckerkranke Katze. Da gerät die Pflege der Tien Anton Seite zwangsläufig mal wieder ins Hintertreffen. Aber das ist ja nicht das erste Mal, und wie regelmäßige Leser aus der Vergangenheit wissen, sind diese kurzen Durchhänger-Phasen nie von Dauer.

Bis zum nächsten substanziellen Update nur kurz dies: der Marcel wird ganz bald sein erstes Buch veröffentlichen. Es wird autobiografisch, schonungslos und eben typisch Thebach sein. Sobald ich das Vorab-PDF ganz gelesen habe gibt's hier eine Rezension dazu. Außerdem wäre ich neugierig, zu erfahren, wie denn das Süchtelner Kneipenfestival so gelaufen ist. Sachdienliche Hinweise (Bilder?) dazu bitte per elektrischer Post an redaktion@tienanton.de.

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25.4.08
  Speedy Linus’ Gedankenspiele

Ex-Nachtsicht-Kolumnist Marcel Thebach alias Speedy Linus weilt nicht mehr unter uns - vor einiger Zeit schon kehrte er dem beschaulichen niederrheinischen Landleben den Rücken um fortan in den Betonschluchten der Banken- und Versicherungspaläste Düsseldorfs sein Glück zu finden.
In alter Verbundenheit zur Heimatregion zwischen Niers und Nette erklärt er den Tien Anton Lesern seine Sicht der Dinge.

Anm. der Redaktion: aufgrund unglücklicher Kommunikationsabläufe hat die Aktualität des folgenden Textes etwas gelitten. Wir finden aber, dass er zu schade ist um in der Schublade zu vergammeln, darum jetzt aber endgültig, wenn auch mit einiger Verspätung:

Hurra, die neuen Todsünden sind da

Der treue Anhänger der römisch-katholischen Glaubensgemeinschaft, bekam als kleines Dankeschön für seine unendliche Glaubenstreue in den vergangenen Tagen einen Beweis dafür, dass seine Kirchensteuer nicht einfach irgendwo im Nirvana verpufft, sondern dass hier noch Arbeit für richtig gut angelegtes Geld geleistet wird...

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2.3.08
  Speedy Linus in der großen Stadt
Erlebnisse eines Ex-Vierseners in Düsseldorf

Bald ist Ostern!

Diesen Monat ist es wieder soweit. Für ganze 4 Tage verdrehen wir ein wenig die Realität. Da sind die Eier plötzlich bunt und werden vom Hasen gebracht. Wir drehen mit Gewalt am Regler des Cholesterinspiegels. 10 Eier pro Tag sind ein Muss. So richtig lustig wird’s erst... weiterlesen?

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26.2.08
  Speedy Linus in der großen Stadt
Erlebnisse eines Ex-Vierseners in Düsseldorf

Der Zufall tanzt im Zakk

Zufälle bewegen die Wissenschaft gleichermaßen wie die Philosophie. Der Zufall polarisiert. Während er einerseits das Grundprinzip des Universums sein soll, so ist er andererseits unerreichbar beispielsweise bei der Generation von Zufallszahlen, die es praktisch nicht gibt... weiterlesen?

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17.2.08
  Speedy Linus in der großen Stadt
Erlebnisse eines Ex-Vierseners in Düsseldorf

Rettet den Planeten (Teil 1)

Ich möchte ja wirklich niemandem hier unnötig Angst machen, aber meiner Meinung nach bahnt sich hier etwas ganz Dramatisches an. Etwas ganz Furchtbares steht bevor und es ist nun an der Zeit zu handeln! Schnell! Es ist unsere Pflicht alle Kräfte zu mobilisieren und... weiterlesen?

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10.2.08
  Der Text zum Sonntag
Wir freuen uns, einen alten Bekannten aus dem Nachtsicht-Team begrüßen zu dürfen: Speedy Linus alias Marcel Thebach wird in Zukunft hier bei Tien Anton von seinen im Grenzgebiet zwischen Phantasie und Realität angesiedelten Alltags-Abenteuern berichten.

Seinen Lebensmittelpunkt hat Speedy Linus mittlerweile von Viersen in die Landeshaupstadt verlegt. Dass dort letztendlich mit dem gleichen Wasser gekocht wird wie hier bei uns "auf dem Land", dokumentieren seine Texte in gewohnt trashig-philosophischer Lebensnähe.

Heute also die Pilot-Folge unserer neuen Kolumne, die da heißen wird:

Speedy Linus in der großen Stadt
Erlebnisse eines Ex-Vierseners in Düsseldorf

Der Stachel im Gehirn

Es war eine Madagaskar-Palme, die mir zum Verhängnis werden sollte. In Kombination mit meinem peripheren Nervensystem wurde dieses stachelige Gewächs zu einer tödlichen Bedrohung... weiterlesen

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25.4.00
  Speedy Linus’ Gedankenspiele

Ex-Nachtsicht-Kolumnist Marcel Thebach alias Speedy Linus weilt nicht mehr unter uns - vor einiger Zeit schon kehrte er dem beschaulichen niederrheinischen Landleben den Rücken um fortan in den Betonschluchten der Banken- und Versicherungspaläste Düsseldorfs sein Glück zu finden.
In alter Verbundenheit zur Heimatregion zwischen Niers und Nette erklärt er den Tien Anton Lesern seine Sicht der Dinge.

Anm. der Redaktion: aufgrund unglücklicher Kommunikationsabläufe hat die Aktualität des folgenden Textes etwas gelitten. Wir finden aber, dass er zu schade ist um in der Schublade zu vergammeln, darum jetzt aber endgültig, wenn auch mit einiger Verspätung:

Hurra, die neuen Todsünden sind da

Der treue Anhänger der römisch-katholischen Glaubensgemeinschaft, bekam als kleines Dankeschön für seine unendliche Glaubenstreue in den vergangenen Tagen einen Beweis dafür, dass seine Kirchensteuer nicht einfach irgendwo im Nirvana verpufft, sondern dass hier noch Arbeit für richtig gut angelegtes Geld geleistet wird.

Und weil gerade die katholische Kirche ja bekannt ist für ihr Feingefühl, was den Zeitgeist betrifft, hat man im Vatikan nicht lange gefackelt und den bekannten und verabscheuungswürdigen, jedoch möglicherweise etwas altbacken klingenden Todsünden ein neues und trendiges Outfit verpasst.

Durch die neuen Todsünden verfallen demnach die alten und verwirken ihre Gültigkeit. Mit einem kleinen Rückblick darauf, wollen wir uns doch erst einmal einen Überblick darüber verschaffen, welche neuen und interessanten Möglichkeiten uns der Wegfall vergangener Schandtaten ermöglicht. Ich beziehe mich hierbei lediglich auf eine kleine Auswahl ehemals qualitativ hochwertiger Sünden:

Geiz

Geiz ist nun erlaubt und völlig legal. Schon seit längerem wissen wir, dass Geiz sogar geil ist. Meins bleibt meins, wie es singt und lacht. Als Einzelkind, welches ohnehin nicht mit anderen Menschen teilen kann, ist diese Innovation ganz nach meinem Gusto. Endlich vorbei sind auch die Zeiten, da ich mich mit meinem Mittagsmahl bei der Arbeit auf dem Klo einschließen musste. Meine Kiste Bier muss ich nun nicht mehr im Wald verbuddeln, um mir mühevoll bei Wind und Wetter ein Fläschchen in Ehren zu gönnen, nein, ich kann sie ganz offiziell und sogar ein wenig provokant mitten auf den Küchentisch stellen versehen mit einer Leuchtreklame, die da behauptet: „Meins!!“

Neid

Völlig OK ! Neid ist „in“. Besonders neidisch bin ich übrigens auf geizige Leute, die besseres Mittagessen mit zur Arbeit bringen, oder mir kein Bier abgeben. Ganz besonders freue ich mich aber für die Frauenwelt in dieser Sache. Der durch Sigmund Freud beschriebene Penisneid der Frau, ist nun kein gesellschaftliches Tabu mehr, sondern kann ganz frei und öffentlich ausgelebt werden. Die selbstbewusste und moderne Frau zeigt ihren Penisneid gerne, ja, sie trägt ihn sogar offen. Kam es seinerzeit gar einer Beschimpfung gleich zu behaupten „Du bist ja schon ganz gelb vor Neid“, denkt mittlerweile sogar die Kosmetikindustrie um und gibt mit einer in Gelbtönen gehaltenen Make-Up- Kollektion den Trend für den Sommer 2008 an.

Wollust

Der Begriff der Wollust wurde mit Inkrafttreten der neuen Rechtschreibung ohnehin ein zu überdenkender, da sich Wollust auf Neudeutsch schließlich mit 3 L (also: Wolllust) schreibt. Zu Zeiten des drohenden Klimawandels und der allgemeinen globalen Erwärmung, hat diese Todsünde sicherlich auch ihren Reiz des Verbotenen hinter sich gelassen. Ich gestehe dennoch – und diesen Schuh muss ich mir anziehen- auch in der Vergangenheit gerne sowohl Wollpulli als auch Strickjacke getragen zu haben, zwar stets ein wenig mit schlechtem Gewissen, dafür habe ich jedoch in der Öffentlichkeit meist darauf verzichtet, um nicht unnötig für Provokation zu sorgen und Ärgernisse auf mich zu ziehen. Dennoch würde ich auch heute, vielleicht nicht unbedingt sofort ein Gotteshaus mit Wollpullover betreten, da ihm bis zur völligen gesellschaftlichen Akzeptanz sicherlich eine Zeitlang noch etwas Anrüchiges anhaftet.

Völlerei

Ich mach es kurz und knapp. Schwachsinn! Es gibt nur einen Rudi Völler.


Ich lasse den Rückblick an dieser Stelle enden und schaue in die Gegenwart und Zukunft. Was ist erlaubt und was ist ab sofort Todsünde und was bedeutet das für uns:

Drogengebrauch

Ich muss ein wenig staunen. Ab sofort gibt es keinen Wein mehr in der Kirche? Was ist mit der bewiesenermaßen halluzinogenen Wirkung von Weihrauch? Ist das alles Geschichte? Was wäre, wenn ein getrocknetes Heilkraut (z.B. Kamille), welches per Definition als Droge bezeichnet werden muss, fortan nicht mehr ohne ein ruiniertes Gewissen angewendet werden darf? Wäre es denn, wenn man schon Wortspielerei betreiben muss nicht vielleicht sinnvoll gewesen, einmal über die Unterschiede der Begrifflichkeiten „Gebrauch“ und „Missbrauch“ nachzudenken? Ich lasse das mal so im Raume stehen und gehe über zur

Genetischen Manipulation

Hier fällt doch was auf, oder? Während die alten Todsünden ja noch was für den Heimgebrauch waren, die jeder ohne all zu großen technischen Aufwand betreiben konnten, erreichen wir mit der genetischen Manipulation als Todsünde eine ganz neue Dimension. Genetische Manipulation ! Doch möglicherweise ist das von mir zu „groß gedacht“, denn schließlich könnte es ja auch den hobbymäßigen Rosenzüchter betreffen, der sich an neuen Läuse-resistenteren Kreuzungen versucht?! Liege ich mit meinen Erinnerungen völlig verkehrt, wenn ich behaupte, dass Mendel (Mendel`sche Gesetze) ein Mönch war, der den hauseigenen Klostergarten betreut hat? Wird dieser gute Mann nun posthum zum Todsünder erklärt, weil er Erbsen miteinander gekreuzt hat, die sich wohl unter „normalen Umständen“ nicht kennengelernt hätten? Noch ein wenig nachdenklicher werde ich, wenn ich mir die nun folgende neue Todsünde anschaue:

Missbrauch von Kindern und Jugendlichen

Vorbildlich finde ich an dieser Sache, dass eigentlich ethisch und moralische Selbstverständlichkeiten, die gesetzlich verankert sind und die „Gott sei Dank“ strafbar sind, nun auch in den Todsünden einen verdienten Platz finden. Jedoch muss ich mich als ehemaliger Internatsschüler eines Franziskanerklosters ein klein wenig bedeckt halten mit meinen Äußerungen, die ich in dieser Sache gerne einmal lauthals öffentlich ausschreien würde. Gut nur, dass ich eine 3-jährige Psychotherapie hinter mir habe und meine Wut im Bauch (ach ja, eine der alten Todsünden war ja auch „Zorn“ – darf ich jetzt also auch zornig sein) etwas gezügelt habe. Wer in Glashaus sitzt, der sollte nicht mit Steinen werfen. Bevor es mit mir durch geht, wende ich mich an dieser Stelle vielleicht doch noch einer abschließenden anderen Todsünde zu:

Exzessiver Reichtum

Ja liebe Kirche. Jetzt hab ich echt ein Problem. Ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich es verhindern kann, dass ich mir soviel Kohle auf die hohe Kante legen kann. Ich befürchte an meinem exzessiven Reichtum einfach nicht vorbei zu kommen, insbesondere jetzt, da ich ja geizig sein darf. Bei mir klingelt einfach den ganzen Tag unentwegt die Kasse. Ich bin absolut verzweifelt und sehe keinen Ausweg mehr. Einzig und allein für den Moment wird mir wohl bleiben , an dieser Stelle einen Schlusssatz zu finden, um dann mit mir in Klausur zu gehen und möglicherweise einen Weg zu erarbeiten, wie ich angemessen Buße tun kann.


„Du sollst nicht herrschen über Leben und Tod“ – irgendwo in einem sehr bekannten Buch, habe ich das einmal gelesen. Wer jedoch Todsünden definiert, macht zumindest in der Theorie demnach etwas falsch. So wäre es denn ratsam gewesen, bei der Definition der neuen Todsünden, den „Dingern“ vielleicht komplett eine neue und zeitgemäße Bezeichnung zu geben. Ich plädiere hierbei für ein neudeutsches Wort. „Die sieben No-Go`s“

So ändert sich dann am Ende nichts und alles bleibt wie es ist. Paradoxerweise sind wir ja in einer Kaputten Welt alle Teil des „Ganzen“.

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3.3.00
  Speedy Linus in der großen Stadt
Erlebnisse eines Ex-Vierseners in Düsseldorf

Bald ist Ostern!


Diesen Monat ist es wieder soweit. Für ganze 4 Tage verdrehen wir ein wenig die Realität. Da sind die Eier plötzlich bunt und werden vom Hasen gebracht. Wir drehen mit Gewalt am Regler des Cholesterinspiegels. 10 Eier pro Tag sind ein Muss. So richtig lustig wird’s erst in Gesellschaft, wenn wir uns die Eier gegenseitig an der Stirn zerdeppern. Für den Rest des Jahres würde man hierfür eine Ohrfeige einkassieren. Andere Menschen wiederum entdecken ihre verborgenen Triebe und leben diese in der Schlachtung 6-Wochen alter Lämmer aus. Zart und Lecker ! Heiß auf den Tisch. Mit Rosmarinkartoffeln und zartem Bohnengemüse ist das noch junge und schon so knusprige Osterlamm ein Gaumenschmaus. Kaum sind die ersten Weidenkätzchen aufgeknospt, werden sie großzügig gekappt, um sie zu Hause in ein üppiges Gesteck als Träger ausgeblasener Ostereier zu verwandeln. „Komm wir blasen Eier aus!“ Auch für diesen Spruch müssten wir Männer für den Rest des Jahres jeweils 5 Euro Strafe in die Chauvi- Kasse zahlen. Ostern ist es erlaubt. Ostern geht fast alles. Ein getarntes, zweites Karneval feiern wir da. Doch heuer machen wir den Hasen zum Ochsen und das Lamm zum Sündenbock. Hier ist mein ganz persönliches Ostererlebnis:

Es ist Ostersamstag! Der Horizont zeichnet eine unebene Linie, die de facto keine ist. Hügelig ist die Landschaft. Ein klarer Himmel meldet zartes blau, welches völlig unverschleiert den Blick auf frühlingshaftes Wettertreiben zulässt. Am Firmament entlang des holprigen Horizonts wagt ein Radfahrer sich seinen Weg zu bahnen. Sein blondes gelocktes langes Haar wiegt sich entgegen seiner Fahrtrichtung den Weg nach hinten. Das ist nicht von Bedeutung. Vielmehr trägt er eine Tageszeitung geklemmt unter seinem Arm. Wer sich nicht darum schert, welches Ziel dieser Jüngling am Ende seiner Reise vor sich hat, wird ihn bald am linken Bildrand auf Nimmerwiedersehen verschwunden wissen. Er war ein Statist, nichts mehr. Ackerlandschaft bahnt sich den Weg vom Fuße des Bildes bis zum Beginn des Horizonts; noch unbewachsen und fern frühsommerlichen Treibens zarter Keimlinge. Es ist Tante Hildegard (Anm.: Namen geändert), die sich traut kurz von links ins Bild zu blicken um mahnend ein knappes aber bestimmendes „Na!“ zu sagen, bevor ihr Gesicht sich wieder im Nichts verliert. In Wirklichkeit war sie gar nicht da. Aber sie hätte gut hierher gepasst. Gott habe sie selig. War sie es vielleicht doch? Der Wind weht. Er schmerzt im Ohr. Störend an dieser Stelle wirkt einzig ein Kampfjet der rechtwinklig fast unbemerkt vom Himmel stürzt und sich vorwitzig in den Erdboden drängt. Manch ein anderer hätte hierfür eine gewaltige Explosion gebraucht, doch dieser hübsche Flieger schraubt sich ohne großen Aufsehens seinen Weg gen Erdkern. Nun ist er weg. An seiner Einschlagstelle würde ein gesunder Mensch einen Krater enormen Ausmaßes vermuten. Doch hier ist lediglich die Erde filigran in Form einer Vulva aufgehäuft. Man möchte den Boden küssen. Es duftet! Ostern.



Die Kinder suchen in fernen Gärten gesunder Familien bunte Eier. Papa hat den roten Wollpulli an. Den trägt er immer am Feiertag. Mama weint. Das kann verschiedene Gründe haben. Entweder weint Mama, weil alles so rührend ist, wie die Kinder im Garten die Eier suchen, oder weil auch ihr der Wind im Ohr schmerzt. Vielleicht trauert sie auch um den verschwundenen Radfahrer mit der Tageszeitung, den sie gerne näher kennen gelernt hätte, obwohl sie ihn in ihrer Lage gar nicht sehen, geschweige denn vermuten konnte. Sehnsucht! Am Ende wird es wohl Papas roter Wollpulli sein, der ihr weh tut. Ich möchte das an dieser Stelle nicht weiter hinterfragen. Mama hat schließlich auch ein Privatleben und ein Grund zu weinen ist rasch herbei gezaubert. Kein Wunder, dass sie weint. Ich selbst sitze einen guten Kilometer Luftlinie entfernt vom Geschehen und erzählte letzteres aus reiner Vermutung. Alles kann und nichts muss. Man kann mir Bequemlichkeit unterstellen und sollte das vielleicht sogar, so wie ich hier im Schneidersitz an dem Mauervorsprung sitze, hinter dessen Ende sich genau die Szene darstellte, die ich zu Beginn beschrieben habe. Ein Teil von ihr, wenn man den Radfahrer abzieht, existiert immer noch. Ich mag aber derzeit nicht über den Mauerrand hinwegsehen und genieße diesen Ostersamstag auf meine Weise. Zwar still, aber dennoch bestimmt. Ich darf das. Ich bin groß und erwachsen und muss nicht zu Hause sein bevor es dunkel wird. Und Hand aufs Herz, als Kind lag ich schließlich immer richtig. Denn erst mit dem Heimkommen wurde es dunkel, egal zu welcher Zeit! „Sei zu Hause, wenn es dunkel wird!“ hieß es da. Der Letzte macht das Licht aus. So sehr ich das Licht des Nachts im Flur mochte, ich war froh, wenn es aus war. War es an, so war das Licht auch laut. Zumindest unten im Wohnzimmer, wo ich nicht war. Es war der Klang den Fäuste in die Luft schneiden, wenn sie fliegen. Mich mag das heute nicht mehr sonderlich interessieren, wie ich hier so am Ostersamstag hinter meinem Mauervorsprung im Schneidersitz hocke und hinter mir der holprige Horizont, der einst unbekannten Radfahrern einen Weg bot, verborgen bleibt und den ich nur vom „Hören-Sagen“ her beschreiben kann. Mein Blick fällt auf meine Arme, die Venen ans Tageslicht treiben, deren blaue Farbe so manches Osterei blass aussehen lassen. Im Grunde ist alles im Lot! Wir feiern Ostern. Ich kann diese Geschichte von hier gut erzählen, weil es mein Platz ist. Alternativ hätte ich mich in einem Schlafzimmer an einen Schreibtisch setzen können und von dort aus berichten können. Dies jedoch erschien mir zu sehr an den Haaren herbeigezogen und wenig authentisch. Mein Platz ist hier! Genau hier. In einem schlechten Film käme nun in diesem Moment ein Taxi und würde mich mitnehmen wollen; nicht das Taxi, sondern der Fahrer darin. Entlang des holprigen Ackerweges vor mit tut sich jedoch nichts. Es ist still und ruhig. Höchstes Glück für mich. Aber, mir ist langweilig! Da kommt es mir in den Sinn, ganz plötzlich, ich könnte ja einfach „Nachdenken!“ Jau, das ist es! Nachdenken ist gut!

Schon wenn ich über das Wort „nachdenken“ an sich nachdenke, da stellt sich bei mir so etwas wie spontane Übelkeit ein. Man muss sich dieses Wort einfach mal in Ruhe mehrmals durch den Kopf gehen lassen. Hierbei ist es sinnvoll, in der Lautsprache das Wort künstlich zu dehnen und es sich mit einer möglichst nasalen und quäkenden Stimme phonetisch ins Bewusstsein rufen. „Naaaaaaachdenken“. Mit dem Wort in seiner tiefsten Bedeutung klingt direkt mit, dass man gedanklich hinterher hängt, wenn man nachdenkt. Wer nach-denkt denkt zu spät! Und was heißt das eigentlich, jetzt, wo ich hier sitze, und naaaaaachdenke ? Idealerweise stütze ich meinen Kopf nun auf die rechte Hand, deren Arm mit dem Ellenbogengelenk hölzern und knochig auf der Oberfläche meines gedachten Schreibtisches herumrutscht und keine rechte Position finden mag, in der es Ruhe finden kann. Ich sollte meinen Blick aus dem Fenster (welches nicht da ist) ins ferne Nichts entgleiten lassen und meine ansonsten glänzenden Augen in einen matt-trüben Schleier versehen und stillschweigend verharren, sodass jeder, der nun diesen Ort des Geschehens betreten würde, alsbald bei meinem bloßen Anblick zu der Erkenntnis käme „Hui, da denkt aber einer nach!“ Nachdenken hat so eine Raum füllende Melancholie, die imstande ist, auch den lustigsten und lebensfreudigsten Menschen in die tiefste Depression zu stürzen, wenn er einem nachdenkenden Menschen wie mir in die Nähe kommt. „Hey, was machst Du denn da?“ -“ Och, lass mich, ich muss naaaaaachdenken!“ Nachdenkende Menschen, wie ich es bin leiden dann ja unter chronischen Berührungsängsten, obwohl sie am liebsten gefragt werden würden: “Hey, worüber musst Du denn so nachdenken?“ Wenn diese Frage dann nicht kommt, dann steigert man sich erst recht ins nachdenken hinein, weil man gerade die volle Bestätigung hierfür bekommen hat, dass das, worüber man nachdenkt, ja weder der Nachfrage noch der Antwort darauf irgendetwas wert ist, und man ja sowieso nur über ungelegte Eier nachdenkt. Andererseits, wenn die Frage dann trotzdem käme, dann lautete meine Antwort hierauf natürlich:“ Ach, nichts besonderes!“ Natürlich kommt diese Antwort meinerseits in einem Tonfall, der andeuten soll, dass ich mir über die wesentlichen Dinge - um es mit Goethes Worten zu sagen- die die Welt im Kern zusammenhalten, den Kopf zerbreche. Das macht mich natürlich unweigerlich absolut interessant. Da will man doch mehr von mir erfahren, oder? Also wer spätestens jetzt nicht bohrt und mich flehend anbettelt: „Nun komm, bitte, sag mir worüber Du nachdenkst!“, der interessiert sich doch für gar nichts, oder?? Dem ist doch alles egal und der hat mit Gott und der Welt abgeschlossen. Gleichgültig und arm, sind die, denen mein Nachdenken am Arsch vorbei geht. Und meistens, ganz ehrlich, denke ich gerade über diese Menschen nach. Wenn sie das nur wüssten, wie sehr sie meinen kleinen mit Fleisch und Inhalt füllen. Wenn sie nur wüssten, dass sie mit ihrer Gleichgültigkeit hierin ganze Supernovae auslösen und Welten vernichten. Aber das ist ein Thema, das an dieser Stelle sicherlich den Rahmen sprengen würde und über das ich mal nachdenken sollte.

Und damit ist es bewiesen. Ostern kann nachdenklich machen. Mit dem Nachdenken kommt auch die Besinnlichkeit zum Fest. Und zu Ostern sind die ungelegten Eier bisweilen die interessantesten. Nach einer gewissen und verträglichen Zahl von Worten ende ich an dieser Stelle, wohl wissend, dass man erst nachdenken muss, wovon ich diesmal erzählt habe. Hierzu lade ich herzlich ein. Sacken lassen, durchatmen und nicht vergessen:

Wenn ich nichts habe, das ich mit niemandem teilen möchte, dann bekommt jeder alles.

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17.2.00
  Speedy Linus in der großen Stadt
Erlebnisse eines Ex-Vierseners in Düsseldorf

Rettet den Planeten (Teil 1)

Ich möchte ja wirklich niemandem hier unnötig Angst machen, aber meiner Meinung nach bahnt sich hier etwas ganz Dramatisches an. Etwas ganz Furchtbares steht bevor und es ist nun an der Zeit zu handeln! Schnell! Es ist unsere Pflicht alle Kräfte zu mobilisieren und Aufklärungsarbeit zu leisten. Wenn wir nun alle gemeinsam an einem Strang ziehen, ist unser Planet vielleicht noch zu retten. Aber es ist fünf vor zwölf. Jetzt nur schnell keine Zeit verlieren.

Da zeigen die doch neuerdings im Fernsehen immer diese Werbung! Das ist doch bestimmt schon jedem aufgefallen. Ich meine die Werbung, wo da ein vermeintlich netter Mann irgendwo am Meer steht und er hat dort ein Aquarium mit einer Turbine drin aufgebaut. Ach, ich bitte meine etwas lapidare Ausdrucksweise gerade zu entschuldigen, aber ich bin echt aufgeregt. Also, alleine diese Situation ist schon so was von verdächtig und skurril. Was macht der Mann da? Der versucht uns nun allen ernstes etwas von Gezeitenkraftwerken zu erzählen. Da will also ein Energiekonzern tatsächlich riesengroße - ja wie sagt man - „Dynamos“ unter dem Meeresspiegel aufbauen und dann aus der Meeresströmung, die durch Ebbe und Flut entsteht diese Turbinen antreiben und damit Energie gewinnen. Das hört sich sicherlich alles ganz toll an, was uns dieser Mann da erzählen will. Von wegen sieht man ja nicht, weil ist ja unter Wasser, riecht man nicht, hört man nicht, macht keinen Dreck und verschwendet keine Ressourcen. Fast schon wäre ich begeistert von der Couch aufgesprungen und hätte triumphiert: “Jawoll, das isses. Ein guter Mann ist das.“ Aber mal halb lang Leute, so schön wie es dort dargestellt wird ist das nämlich gar nicht. Ich hab mal ein bisschen meinen Grips bemüht und die Sache kritisch unter die Lupe genommen. Allein bei dem Wort Gezeitenkraftwerk sollten ganz schnell die Alarmlampen angehen. Jetzt kommt erst einmal etwas Theorie:

Der Mond kreist in einer elliptischen Bahn um die Erde, die durch die Erdanziehungskraft und seiner Fliehkraft im Gleichgewicht bleibt. Und weil der Mond sich damit alleine wohl ziemlich langweilen würde, macht er auf der Erde mal eben ganz nebenbei Gezeiten. Soweit die Theorie. Was geschieht denn nun, wenn wer Meeresgrund plötzlich mit Gezeitenkraftwerken übersäht wäre? Na ? Genau! Der Mond hat es schwerer, weil er die Wassermassen durch die Turbinen schieben muss. Und was geschieht dann? Richtig! Der Mond wird langsamer, verliert an Fliehkraft, die Anziehungskraft der Erde gewinnt überhand, weshalb sich die Kreisbahn des Mondes um Erde zunehmend verringern würde und der Mond schlussendlich auf der Erdoberfläche einschlagen würde. Rabautz! Lustig ist das nicht!

Was das für Folgen hätte, das habe ich mal exemplarisch auf dem Bild mit der Puppe im Modell nachgestellt. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, wie es danach hier bei uns auf der Erde aussehen würde. Ich weiß das Bild ist schockierend und ganz gewiss nichts für schwache Nerven, aber ich habe ganz bewusst das Szenario so direkt nachgestellt, weil mir nicht daran gelegen ist, irgendetwas schön zu reden. Im Übrigen würde als Folge dessen bei allen Frauen der Welt mit sofortiger Wirkung die Regel ausbleiben, was zusätzlich einen Bevölkerungsboom in einer ohnehin schon kaputten Welt auslösen würde. Ich wusste aber nicht, wie ich das in dem Bild darstellen soll, deshalb weise ich da noch einmal gesondert drauf hin.

Somit möchte ich mit allem mir zur Verfügung stehenden Nachdruck aufrufen zu handeln. Sobald sich meine Nerven etwas beruhigt haben, melde ich mich wieder zurück. Den Mond werde ich aber im Auge behalten. Neulich war der schon mal so groß, dass ich dachte „Owiehe,et jeht los“. Im Nachhinein hat sich glücklicherweise herausgestellt, dass das nur eine Korrekturschwankung war, weil die Uhr umgestellt wurde und 2008 ein Schaltjahr ist, also ein ganz natürliches Phämomen.

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10.2.00
  Speedy Linus in der großen Stadt
Erlebnisse eines Ex-Vierseners in Düsseldorf

Der Stachel im Gehirn

Es war eine Madagaskar-Palme, die mir zum Verhängnis werden sollte. In Kombination mit meinem peripheren Nervensystem wurde dieses stachelige Gewächs zu einer tödlichen Bedrohung. Eigentlich dienen die körpereigenen Reflexe ja dem Schutz von Leib und Leben, aber mein hier aufgezeigter Fall zeigt sehr deutlich, wie gefährlich es ist, sich auf die Schutzmechanismen des eigenen Köpers einzulassen, ihnen zu vertrauen und wie machtlos man ihnen ausgeliefert ist, da man sie nicht unterdrücken kann.
An diesem Morgen, ich kam gerade aus dem Bad, mag es halb sieben gewesen sein als ich mit Bademantel bekleidet den Weg ins Wohnzimmer wagte, um dort die Fenster zum Lüften zu öffnen, bevor ich zum Ankleiden den Weg ins Schlafzimmer nehmen wollte. Im Regelfall öffnete jemand anders morgens die Fenster. Es war stets die erste Amtshandlung meiner besseren Hälfte dies zu tun. Für gewöhnlich saß ich dann aber schon in der Küche beim Kaffee und hörte, wie die Schlafzimmertür geöffnet wurde gefolgt von dem Geräusch, das ein Fenster verursacht, wenn es auf Kippstellung gebracht wird.
Wenn mich etwas wirklich langweilt, dann ist es die Zukunft vorhersagen zu können und zu wissen, was als nächstes geschehen wird. Auch wenn es sich hierbei um unspektakuläre Ereignisse wie dem Öffnen von Fenstern handelt. Zudem bin ich der Überzeugung, dass wenn eine Handlung zwanghaft wird, sie ohne Zweifel als Neurose bezeichnet werden darf. Wenn das Öffnen der Schlafzimmertür als zwanghafte Folgehandlung das Öffnen der Fenster fordert, ist man kein freier Mensch mehr, sondern bereits ein Sklave seiner selbst. Die Entscheidung, an diesem Morgen das Lüften der Wohnung selbst in Angriff zu nehmen, hatte somit einerseits dramaturgische wie auch therapeutische Beweggründe. Ich wollte einfach mal alles anders machen und den gewohnten Dingen einen anderen Verlauf geben. Zudem bringt dies Abwechslung in einen eingesessenen Alltag und vermag sogar eine Partnerschaft jung zu halten und dieser frischen Aufwind zu verleihen. Mein Entschluss stand demnach fest: Heute würde ich die Fenster öffnen.
So tappte ich denn im halbdunklen Raum gen Fenster. Ein wenig ist es schon mit einem Geduldsspiel zu vergleichen bei einem gerade mal geschätzten siebeneinhalb Zentimetern tiefen Fensterbrett, welches bis auf den letzten Quadratmillimeter zugestellt ist mit allerlei dekorativem Schnickschnack, wie zu Bällen gedrillten Astgeflechten, Teelichthaltern in den mannigfaltigsten Ausführungen, leeren Zierflaschen mit Bunten Glasverschlüssen, gesammelten Steinen und Muscheln aus aller Welt , sowie selbst gezogenen Ficcus-Benjamini Stecklingen und natürlich einer alles überragenden Madagaskar-Palme, die nichts besseres zu tun hatte, als nach der Betätigung des Fenstergriffes durch die Neigung des Fensters ohne weitere Vorankündigung nach vorne zu kippen und zu Boden zu stürzen. All dies wäre halb so schlimm gewesen, wenn ich nicht reflexartig nach ihr gegriffen hätte, um sie vor dem Fall zu bewahren. Undankbar für diese Rettungsaktion, bohrte die Palme mir ihre Stacheln in die nach ihr greifende Hand, wobei mehrere davon abbrachen und in meiner Handfläche sowie dem Handrücken verweilten, während die Palme es sich dennoch nicht nehmen ließ, weiter Richtung Boden zu fallen. Sie schaffte es aus eigenem Antrieb sogar bis ganz unten.
Meine Hand, die innerhalb von Bruchteilen von Sekunden zu glühen begann, als hätte ich sie zum Anrösten auf einen Grillrost gelegt, konnte ich im Halbdunkeln nicht auf Anhieb betrachten. Bedingt jedoch durch die Tatsache, dass mich der Schmerz meiner Hand, sowie der plötzlich einsetzende Ärger über diese relativ unnötige Situation veranlasste, schlicht und einfach lauthals und ausdrucksstark das in den dunklen Raum zu brüllen, was ich tatsächlich empfand und dachte: “Scheiße!! Scheiße! “ Zeitgleich stampfte ich mit dem Fuß auf den Boden. Die Unruhe, die ich damit auslöste, ließ auch gleich die Schlafzimmertür aufgehen und somit meine bessere Hälfte im Raum erscheinen mit deren Betreten des Raumes auch zeitgleich das Licht im Wohnzimmer anging und mir eine Frage entgegenschwappte: „Was ist hier los?“ Es brauchte keine großen Worte, die Vorfälle der letzten 2 Minuten zu erklären. Das Chaos auf dem Boden sowie der Anblick meiner offensichtlich verletzten Hand, ließen untrügliche Rückschlüsse zu.
Als Kind bin ich immer Kastanien sammeln gegangen. Einmal hatte ich mich dabei relativ gekonnt auf die Nase gelegt und versuchte meinen Fall zu Boden mit einem gekonnten Auffangen des Falls durch ein Aufstützen der Handfläche abzumildern. Unglücklicherweise griff ich im Fall auf eine am Boden liegende Kastanie, die noch in ihrem Stachelkleid hauste. Ja, ein wenig wurde mir sogar warm ums Herz nun im Wohnzimmer stehend mit Madagaskar-Palme-Stacheln in der Hand, diese kindlichen Erinnerungen zu haben. An dieser Stelle könnte diese Geschichte enden und alles gut werden, denn es ist viel geschehen und eine Spannungskurve ist gezeichnet.
Ich – zu doof ein Fenster zu öffnen – bringe ein giftiges Stachelgewächs zu Fall, verletze mich daran, und sehe daraufhin einem Engel gleich meine bessere Hälfte im weißen Morgenmantel mit blondem langen wehendem Haar vor mir stehen. Heldenhaft verzerre ich nun mein Gesicht vor Schmerz und lasse mich von meiner besseren Hälfte in den Arm nehmen, die mir dabei tröstend ins Ohr flüstert:„Alles wird gut, mein Held!“
Es kam jedoch anders. Das Licht brachte es an den Tag. Ein Stachel hatte sich auf meinem Handrücken in eine Vene gebohrt, weshalb diese aufplatzte und nun das Blut in mein Unterhautfettgewebe laufen ließ, um somit meine Hand anschwellen zu lassen. Erst golfballgroß, dann tennisballgroß, handballgroß, fußballgroß und zuletzt erdballgroß. Ich fühlte mich wie eine Zecke, die sich mit Blut voll gesaugt und großem Corpus von ihrem Opfer fallen ließ und sich um ein zigfaches ihres eigenen Körpervolumens vergrößert hatte. Tragisch an meiner Situation war jedoch, dass ich quasi in mich selbst hineinblutete und mich selbst aussaugte um dann am Ende sozusagen in mir selbst zu verbluten. Dies alles hätte ich noch verkraften können, weil ich fest daran glaubte, dass ich mich nach beendetem Ausbluten in mir selbst auch wieder in mich selbst resorbieren könnte. Kurz hatte ich den Begriff „Eigenbluttherapie“ im Kopf. Aber da war noch etwas anderes, was mich sehr beunruhigte.
Die Madagaskar-Palme hatte ihren Stachel, der sich in meine Vene bohrte abgebrochen. Die abgebrochene Stachelspitze muss sich demnach nun in meiner Blutbahn befunden haben. Der venöse Rückfluss führt sauerstoffarmes Blut unterstützt durch den Muskel-Tonus zurück zur Lunge. Zielstation des nun freischwimmenden Stachels war meine Lunge. Dort angelangt würde er unweigerlich eine Lungenembolie hervorrufen, die zu 90 Prozent mit letalem Ausgang einhergehen würde. Die Tatsache, dass ich mich im Moment noch so gut fühlte, war sicherlich drauf zurückzuführen, dass der in mir wandelnde Stachel sich in einer Venetaschenklappe verfangen hatte, was mir ein wenig Aufschub gab.
Was nun? Für einen Moment dachte ich ernsthaft darüber nach mich in die Ambulanz eines Hospitals zu begeben, um den Vorfall des Morgens zu schildern. In meinen Gedanken sah ich einen Dienst habenden und von der Nachtschicht übermüdeten Arzt, der sich meine Geschichte anhörte und dabei sorgenvoll die Stirn in Falten zog. Ein gut aussehender Arzt Anfang dreißig, strahlend weiße Zähne, gesund-braune Gesichtsfarbe, langes lockiges Haar, sportlich, Womanizer-Typ, gut situiert, NR, ohne finanzielle Interessen, noch bei Mama zu Hause wohnend, die ihm warmen Kakao am Abend zuvor in eine Glasflasche für den langen Dienst gefüllt hat, Tennissocken mit rotem und blauem Ringel am Bündchen, aber ein grundsätzliches Problem : von Medizin keine Ahnung!
Ich sehe, wie ich versuche ihm mein Problem zu schildern, ihn versuche von der akuten Gefahr die mich betrifft zu überzeugen. Aber ich habe keine Chance. Genau in diesem Moment bekomme ich eine Angina-Pectoris- Anfall. Nun ist aber Holland in Not. Sofort wird der Chefarzt über veralteten analogen Eurofunk informiert. Alarmlampen in rot rotieren, Sirenen heulen. Ich lande auf der Intensivstation. Ich werde voll gepumpt mit Kontrastmittel. Hitzewellen gehen durch meinen Körper. Röntgengeräte, Computertomographen, sicherheitshalber Herz-Lungenmaschine, alles, das ganze Programm wird an mir angeschlossen. Mir werden elektronische Micro-Roboter injiziert, die per WLAN Softwareupdates bekommen und einzig allein alles was sie erkennen mit einem gescannten Bild eines abgebrochenen Madagaskar-Palmen-Stachels, vergleichen, um diesen mit dem virtuellen Phantombild abzugleichen und zu identifizieren. Die Technik tut ihren Dienst.
Derweil ist es bereits 10.30 Uhr und somit Frühstückspause auf Station M5. Am Frühstückstisch drehen sich die besorgten Gespräche um den Patienten mit dem Madgaskar-Palmen-Stachel im Blutkreislauf. Oberarzt Dr. Dr. Bötzkes beißt andächtig in ein Mohnbrötchen mit Camembert und bitterer Orangenmarmelade (das mag er am liebsten) und verweilt jedoch nach fünf bis sechs immer langsamerer werdenden Kaubewegungen, bis sein Unterkiefer plötzlich stillsteht. Diese Situation hält für circa dreißig Sekunden an. Schwester Magarete, Schwester Paula, Pfleger Bernd, Zivi Michael, Praktikantin Uschi sowie der plötzlich in den Raum tretende Stationsarzt A.i.P Ralf Schrömges bemerken sofort, dass Oberarzt Dr. Dr. Bötzkes nachdenklich und besorgt ist.
Mit einem tiefen Atemzug und immer noch vollem Mund bricht er sein Schweigen, um der angespannten Situation ein Ende zu bereiten und seufzt sorgenvoll: „Unser Madagaskar-Palmen-Stachel-Patient….“, beginnt er, „wenn es gut läuft bekommt er einen Herzinfarkt. In einem Koronargefäß könnten wir den Stachel leicht ausfindig machen, per Koronar-Angiographie. Bekommt er indes eine Lungenembolie oder gar einen apoplektischen Insult, dass heißt, sollte dieser Stachel seinen Weg tatsächlich bis ins Gehirn finden, sieht es schlecht aus. Natürlich könnte die Neuro-Chirurgie ihm die Schädeldecke öffnen, aber das gleicht dann doch eher der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Ich sehe da keine Chance!“
Während das Wort „Chance“ in meinem Hirn mehrfach nachhallte und dabei zunehmend ausgeblendet wurde, wie ein Musiktitel, der am Ende leiser wird, verschwanden auch die Bilder aus dem Krankenhaus in meinem Kopf und ich kam langsam und allmählich wieder zu mir und sah mich zurück zu Hause mit verletzter Hand und ohne eine Entscheidung getroffen zu haben, was nun geschehen soll. Kurzerhand entschied ich mich dazu, mir mit einer Pinzette die zumindest sichtbaren Stachel aus meiner Hand zu entfernen, um mich danach nun doch für die Anreise zur Arbeit bereit zu machen.
Natürlich machte ich mir an diesem Tage zum Ziel, besonders gut auf Veränderungen meines Befindens acht zu geben. Symptome wie Pochen, Hitzeentwicklung, Rötung, Entzündungsschmerz, Fieber, Wahnvorstellungen, Halluzinationen (nackte Frauen die vor einem herumtanzen und während sie sich in Luftpumpen verwandelten „Uhu Uhu“ riefen…oder ähnliches) wären ein unmissverständliches Signal gewesen, sofort einen Notarzt zu konsultieren. Wie sagte meine bessere Hälfte an diesem Morgen: „Denk dran, es ist Freitag. Samstag und Sonntag kannst Du arztmäßig vergessen. Da geht auch nur Scheiße ab, wenn was ist. Geholfen wird erst Montag wieder!“
Der Freitag blieb ruhig. Noch nicht einmal eine rote Linie wollte sich auf meinem Arm abzeichnen, die in Richtung Herz lief, um eine Blutvergiftung zu kennzeichnen. Ich wusste ja auch, dass mein Tetanusschutz bereits seit mehr als einem Jahr abgelaufen war, Grund genug, dann auch einmal in sich hinein zu horchen. Als ich am Samstagmorgen darauf erwachte hatte ich Kopfschmerzen. Für einen Moment lang glaubte ich, der Stachel hätte den Weg zu meinem Gehirn gefunden und würde dort ein wenig Unfug machen. Könnte ja sein, dass er in einem kleinen und unwichtigen Hirnareal halt gemacht hat, was nur ein bisschen Kopfweh macht. Möglicherweise blockierte er sogar ein Hirnareal, durch dessen Dysfunktion ich zukünftig ein glücklicher Mensch werden könnte? Niemand weiß so richtig, ob es je einen solchen Madagaskar-Palmen-Stachel gegeben hat und wenn es ihn gegeben hat, wo er sich heute aufhalten könnte.
Vier Tage nach diesem tragischen Ereignis bin ich glücklich diese Geschichte aufschreiben zu können und kann besten Gewissens sagen, ich erfreue mich bester Gesundheiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii
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